Wie können Automobilhersteller und Zulieferer die zunehmenden Anforderungen der Kreislaufwirtschaft nicht nur erfüllen, sondern daraus auch Wettbewerbsvorteile schaffen? Dieser Frage widmete sich unser Webinar „Kreislaufwirtschaft in der Automobilindustrie: Neue Vorgaben, neue Chancen“, welches in Kooperation mit der Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK) stattfand.
Die Veranstaltung am 15. September 2026 machte deutlich: Kreislaufwirtschaft ist längst kein Zukunftsthema mehr. Angesichts begrenzter Rohstoffe, geopolitischer Unsicherheiten und neuer europäischer Regulierung wird sie zunehmend zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für die Automobilindustrie. Unternehmen, die frühzeitig handeln, stärken nicht nur ihre Resilienz und Versorgungssicherheit, sondern erschließen zugleich neue Geschäftsmodelle und Effizienzpotenziale.
Neue EU-Vorgaben verändern die Spielregeln
Zum Auftakt stellte Lorena Zangel von der KEK die politischen Ziele und aktuellen Entwicklungen rund um die Kreislaufwirtschaft vor. Die Transformation hin zu einer kreislauforientierten Wirtschaft soll Europas Rohstoffversorgung sichern, Abhängigkeiten reduzieren und den Ressourceneinsatz insgesamt effizienter gestalten. Dabei ein ist die Kreislaufwirtschaft als ein zirkuläres System gedacht und unterscheidet sich vom reinen Recyclingsystem.
Yannik Müller vom BDE – Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft legte seinen Schwerpunkt auf die neue EU-Altfahrzeugverordnung. Diese bringt weitreichende Anforderungen für Hersteller und Zulieferer mit sich. Künftig müssen Fahrzeuge noch stärker auf Recycling und Kreislaufwirtschaft und folglich den Einsatz von Rezyklaten ausgelegt werden. So sieht die Verordnung vor, dass ab September 2032 mindestens 15 Prozent der in Fahrzeugen eingesetzten Kunststoffe aus Post-Consumer-Rezyklaten stammen müssen. Zusätzlich werden derzeit Vorgaben für den Einsatz von Recyclingmaterialien in Stahl und Aluminium vorbereitet. Zur Vorbereitung können Unternehmen heute schon ihre Schadstoffliste prüfen, wichtige Vorlaufentscheidungen für Lieferketten treffen und im Zuge dessen auf ein integriertes Datenmanagementkonzept zur Interoperabilität zw. Fahrzeugpass, Digitalem Batteriepass und weiteren Produktpässen aufzubauen.
Digitale Produktpässe als Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft
Welche Chancen sich hinter den neuen Anforderungen verbergen, zeigte Janine Mügge vom Fraunhofer IPK. Im Mittelpunkt ihres Vortrags standen Digitale Produktpässe (Digital Product Passports, DPP). Diese werden für zahlreiche Produktgruppen schrittweise verpflichtend und bilden die Grundlage für transparente Informationen über Herkunft, Materialzusammensetzung, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit von Produkten.
Dabei wurde deutlich, dass digitale Produktpässe weit mehr sind als ein Instrument zur Erfüllung regulatorischer Vorgaben. Sie können Unternehmen dabei unterstützen, Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette nutzbar zu machen, Prozesse effizienter zu gestalten und neue datenbasierte Dienstleistungen zu entwickeln. Transparente Produktdaten schaffen die Basis für neue Geschäftsmodelle, verbesserte Rücknahmekonzepte und eine engere Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten. Gleichzeitig ermöglichen standardisierte Datenstrukturen neue Formen der Wertschöpfung über Unternehmensgrenzen hinweg.
Praxisbeispiel Tesla: Kreislaufwirtschaft im Unternehmensalltag
Wie Kreislaufwirtschaft in der Praxis umgesetzt werden kann, zeigte Franziska Teubert von Tesla Manufacturing Brandenburg. Anhand von Beispielen aus der Gigafactory Berlin-Brandenburg wurde deutlich, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht nur bei Produkten, sondern auch in Produktionsprozessen beginnt.
Ein Schwerpunkt lag auf dem effizienten Umgang mit Wasser. Tesla verfolgt das Ziel, den Wasserverbrauch kontinuierlich zu reduzieren und konnte bereits Werte erreichen, die unter denen eines durchschnittlichen deutschen Automobilherstellers (OEM) liegen. Darüber hinaus spielt das Recycling eine zentrale Rolle. Durch eine möglichst sortenreine Trennung von Materialien werden hochwertige Stoffströme erhalten und in den Kreislauf zurückgeführt. Auch vermeintlich kleine Maßnahmen, beispielsweise bei der Verpackung von Materialien und Komponenten, können einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten und erhebliche Einsparungen ermöglichen.
Das Praxisbeispiel zeigte eindrucksvoll, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur eine strategische Zielsetzung ist, sondern durch viele konkrete Maßnahmen im Unternehmensalltag umgesetzt werden kann.
Unterstützung für Unternehmen
Abschließend stellten Bernd Teichmann von der Energie- und Klimaagentur Brandenburg (WFBB) sowie Robin Bruck von der KEK ihre Unterstützungsangebote vor. Beide Einrichtungen begleiten Unternehmen anbieterunabhängig und kostenfrei bei der Umsetzung von Maßnahmen in den Bereichen Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen bieten diese Angebote eine wertvolle Orientierung, um regulatorische Anforderungen frühzeitig zu adressieren und Potenziale im eigenen Betrieb zu identifizieren.
Fazit
Das Webinar hat gezeigt: Die Kreislaufwirtschaft entwickelt sich zu einem zentralen Leitprinzip der Automobilindustrie. Neue europäische Vorgaben erhöhen den Handlungsdruck, eröffnen Unternehmen aber gleichzeitig auch neue Chancen. Digitale Produktpässe, kreislauffähige Produktgestaltung, der gezielte Einsatz von Rezyklaten und ressourceneffiziente Produktionsprozesse werden künftig entscheidende Bausteine einer wettbewerbsfähigen Industrie sein. Wer die Transformation frühzeitig angeht, kann nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen, sondern Innovationen vorantreiben, Kosten senken und langfristig resilienter werden.
Ein besonderer Dank gilt allen Referentinnen und Referenten sowie unserem Kooperationspartner KEK für die spannenden Einblicke und die praxisnahen Impulse.
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